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Leseprobe:

Grenzenlos


Im Treiben stört mich nie die Richtung, in die ein Strom mich zieht. Das wilde Auf und Ab ist ebenso willkommen, wie das seichte Gleiten in stillem Wasser. Ob das Leben mir den Kopf nach unten drückt und Luft sehr knapp wird, oder ob ich, wie tot auf dem Fluss liegend, nur den Hauch eines Luftzugs spüre, der wie zufällig den Weg in meine Lungen findet, immer ist da ein Weiterziehen, und bei dem einen wie bei dem andern fühle ich mich wohl. Mich in Gedanken zu verlieren, die mir die Stunden zu Sekunden werden lassen, ist wie das Reisen zwischen den Sternen. Und wenn Fahrten mit der Geschwindigkeit des Lichts den Physikern ein Thema sind, das es zu diskutieren gilt, so finden jene Ausflüge ja längst statt. In unserer Fantasie, in unseren Träumen und Sehnsüchten, in Trauer, Freud und Liebe bewegen wir uns ad infinitum mit eben jenem Tempo. Wie kann es schmerzen und verzehren, Schwindel und Übelkeit erzeugen, das Innerste nach außen kehren. Und doch lässt es uns spüren: Ich lebe! Nun haben wir in unserer sogenannten Zivilisation eine Kultur der Begrenzung entwickelt, die ein erträgliches (wie immer man dieses Wort auch deuten mag) Mit- und Gegeneinander billigt. Jede Stunde hat den Wert einer Münze, jeder Mensch seinen Platz in einer Ordnung, jede Freiheit ihre Grenzen. Doch wie kann ich Kreatur sein, wie tief kann ich noch schöpfen, wenn Schranken mir die Richtung weisen, in die mein Stamm zu wachsen hat? Ein Leben lang sind wir damit beschäftigt, die Zäune aufzuschneiden, die in jungen Jahren durch uns gezogen wurden. Ersprießlicher ist wuchern. Wie Unkraut, einfach grenzenlos.
Dem Alten fremd, dem Morgen schön, steh ich am Rand, muss weitergehn.